• Manuel Schuchna

Innovative Trends in der Karriereplanung

Es soll noch Arbeitgeber geben, bei denen man die eigene Karriere langfristig planen kann – sagt man.

Es soll wohl noch Arbeitgeber geben, bei denen man die eigene Karriere langfristig planen kann – sagt man.

Was „man“ und Frau dagegen in den aktuell teilweise stürmischen Zeiten der Arbeitswelt erleben, ist der „Wind of Change“. Nachdem die Lehmann-Pleite die sicher geglaubten Karrierewege in der Finanzwelt in Luft aufgelöst hatte – was gefühlt schon eine Ewigkeit her ist –, werden inzwischen auch andere Branchen durchgeschüttelt.


Die Touristikbranche musste erleben, dass auch die reisefreudigsten Landsleute gegen Corona & Co. wenig ausrichten können. Eingefleischte Gastronomie-Fachkräfte müssen im Lockdown zum beruflichen Überleben die Branche wechseln. Ein quer stehendes Schiff in einem Kanal löst eine Kettenreaktion hektischer Bewegungen in der Wirtschaftswelt aus, mit verheerenden Auswirkungen auf die Karriereplanungen vieler Arbeitnehmer:innen. Das Land der Verbrennungsmotor-Erfinder wird in den automobilen Tiefschlaf versetzt und beschert nicht wenigen Fachkräften das Ende der sicher geglaubten Karriere.


Macht es angesichts dieser Verwerfungen am Arbeitsmarkt überhaupt Sinn, die eigene Karriere zu planen?


Ein klares Nein – für alle, die die klassische Karriereplanung im Blick haben. Aber ein klares Ja für alle, die innovative Trends in der Karriereplanung für sich zu nutzen wissen. Um welche innovativen Trends geht es?


Trend Nr.1: Das Ende der Zertifikate-Gläubigkeit

Personaler:innen, die sich heute noch von Zertifikate-Sammlungen in Bewerbungsunterlagen blenden lassen, gibt es eigentlich nicht mehr. In der digitalen Steinzeit, in der Wissen nur in Präsenzschulungen an den erlauchten Teilnehmerkreis weitergegeben wurde, waren Zertifikate der physische Beleg dafür, dass ein:e Teilnehmer:in in den Genuss dieser Form der Wissensweitergabe gekommen war. In Ausnahmefällen bescheinigte ein Prüfungsergebnis dann sogar das Vorhandensein dieses Wissens zu einem bestimmten Zeitpunkt. Da diese Zeiten lange vorbei sind und Informationen und Wissen in nahezu unendlicher Menge digital zur Verfügung stehen, haben Zertifikate – bis auf die rechtlich notwendigen – eher ideellen Charakter. Und was ist daran heute ein innovativer Trend? Zeitgemäß agierende Personaler:innen fragen nicht mehr nach Zertifikaten, sondern nach der intrinsischen Motivation für Themenfelder und Fachgebiete. Mit geeigneten Fragetechniken finden sie in Vorstellungsgesprächen heraus, welches Grundverständnis zu einem Thema einsatzbereit vorhanden ist und welches Potenzial eine Person mitbringt, um sich in ein konkretes Aufgabengebiet engagiert und erfolgversprechend hineinzuarbeiten. Alles andere macht ja auch keinen Sinn, weil mit fortschreitender Digitalisierung die Halbwertzeit von Fachwissen immer geringer wird und das Erarbeiten von neuem Wissen und neuen Arbeitsweisen einen viel größeren Stellenwert hat als das aktuell vorhandene Wissen.

Wechseln wir die Perspektive. Wer nicht erst auf ein Vorstellungsgespräch warten will, um diese Fragen präsentiert zu bekommen, kann sie sich selbst stellen und damit seine eigene Positionierung schärfen: Welche meiner Zertifikate und Bildungsabschlüsse repräsentieren wirklich meine Kompetenzen oder Teilaspekte davon? Was davon war oder ist nur Zwischenschritt oder Sprungbrett auf das eigentliche Berufsziel hin? Was kann ich gut und mache ich gern? Was gelingt mir mit Leichtigkeit?

Wer diese und ähnliche Fragen für sich reflektiert, ist nicht nur auf Bewerbungsgespräche bestens vorbereitet, sondern hat auch auf der Landkarte der eigenen Karriereplanung die wesentlichen Wegpunkte markiert. Wenn Sie sich so als Bewerber:in vorbereiten und dann im Gespräch auf Personaler:innen treffen, die immer noch nach Zertifikaten fragen, sollten sich gut überlegen, ob diese:r Arbeitgeber:in ein:e sinnvolle Partner:in für die eigene Karriereplanung sein kann.


Trend Nr.2: Die Erfolgsfaktoren zwischen den Zeilen lesen können „Von geeigneten Bewerber:innen erwarten wir ein abgeschlossenes Ingenieurstudium und mindestens 5 Jahre Berufserfahrung in vergleichbarer Position.“ Wenn Sie solche oder ähnliche Stellenausschreibungen lesen, wissen Sie eines ziemlich sicher: Hier kann oder will ein:e potenzielle:r Arbeitgeber:in nicht wirklich sagen, was er:sie sucht. Warum braucht die gesuchte Person ein abgeschlossenes Ingenieurstudium? Vielleicht geht es ja nur um technisches Verständnis? Oder vielleicht ist kreativer Erfindergeist gefragt? Aber warum 5 Jahre Berufserfahrung? Reichen nicht 2, und wenn ja, was ist eine vergleichbare Position? Der berufliche Erfolg und das Verwirklichen der eigenen Karriereplanung hängen nicht wirklich vom Erfüllen dieser Kriterien ab. Zugegebenermaßen hilft manchmal die formale Erfüllung solcher Parameter, den verstaubten innerbetrieblichen Anforderungen gerecht zu werden. Aber eine Karriereplanung, die darauf aufbaut, steht auf sehr wackeligen Beinen.

Und welcher innovative Trend lässt sich hieraus ableiten? Halten Sie nach Arbeitgeber:innen Ausschau, die unabhängig von Checklisten-Parametern die erfolgsrelevanten Fähigkeiten, Arbeitsweisen, Neigungen und Charakterzüge beschreiben (können) – und die Ihnen auch ein gedankliches Bild der gelebten Kultur vor Augen führen können. Wenn die Kultur einer Organisation, eines Unternehmens nicht zu Ihnen und zu Ihrer Arbeitsweise passt, wird auch die analytischste Karriereplanung wenig Erfolg haben.


Wechseln Sie stattdessen auch hier die Perspektive und finden Sie zunächst für sich selbst heraus, was Ihre individuellen Erfolgsfaktoren sind. Mit welcher Arbeitsweise fühlen Sie sich wohl? Welche Rolle nehmen Sie gern und mit guten Ergebnissen in Teams ein? Welche Kultur der Arbeit bringen Sie mit? Was sind Ihre beruflichen Neigungen, die bei der täglichen Arbeit eine stärkere Hebelwirkung erzeugen als Berufsabschlüsse und nachweisbare Kalenderjahre?


Indem Sie so Ihre persönlichen Erfolgsfaktoren herauskristallisieren, entsteht eine Checkliste, anhand derer Sie die Arbeitgeber:innen identifizieren können, die einen sinnvollen Beitrag zu Ihrem individuellen Karriereweg leisten können. Texte in Stellenanzeigen sind bestenfalls ein erster Einstieg. Die Art, wie diese Texte formuliert sind und die Erlebnisse, die Mitarbeiter:innen dieser Unternehmen schildern, geben schon mehr Aufschluss über die erfolgsrelevanten Aspekte. Wenn Sie aber die Möglichkeit für ein persönliches Gespräch mit einem:einer Unternehmensvertreter:in haben, sollten Sie gezielt nach den wirklich relevanten Erfolgsfaktoren und der gelebten Kultur fragen, denn das sind die eigentlich wichtigen Informationen, an denen Sie prüfen können, welche Tätigkeit als persönlicher Karriereschritt für Sie passend ist.


Trend Nr.3: Ausrichtung an Affinitäten statt an Job-Titeln Können Sie sich eine erfolgreiche Mathe-Lehrerin vorstellen, die keine Zahlenaffinität hat? Oder einen berühmten Pianisten, der ohne entsprechende Affinität zu seinem Instrument nur mechanisch auf den Tasten herumhämmert? Natürlich gibt es Menschen, die ihre berufliche Tätigkeit ohne entsprechende Affinitäten ausüben. Manchmal merken diese Menschen es selbst gar nicht, weil sie es sprichwörtlich „wegen des Geldes“ machen „müssen“. Aber dafür merken es andere umso stärker. Wer ohne oder sogar gegen die entsprechenden Affinitäten eine Tätigkeit ausführt, sollte sich lieber keine Gedanken über die eigene Karriereplanung machen, sondern über seine Gesundheit.


Kurzzeitig ist es durchaus möglich und kann sogar Sinn machen, sich entgegen dem eigenen Affinitätenprofil im Arbeitsleben durchzubeißen, um mit Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen eine neue Karriere- oder Lebensetappe zu erreichen. Aber wer für sich auf lange Sicht plant und nicht nur Schmerzensgeld, sondern Zufriedenheit und Erfolg erreichen möchte, sollte sich frühzeitig mit seinem eigenen Affinitätenprofil beschäftigen und seine persönliche Karriereplanung daran ausrichten. Denn wo Affinitäten auf passende Tätigkeiten treffen, treten früher oder später Erfolg und Zufriedenheit fast von selbst ein.

Und was ist hierbei der innovative Trend? Diese Frage können Sie selbst mit einem Mini-Test beantworten: Wenn Sie gefragt werden, wer Sie sind – was entgegnen Sie? Antworten Sie mit Ihrem aktuellen Job-Titel und zählen dann in chronologischer Reihenfolge die Berufsbezeichnungen auf, die Ihren Lebenslauf schmücken? Oder beschreiben Sie in Ihrer Antwort Ihre persönlichen Affinitäten – mit dem, was Sie gern und gut machen und was Sie als Mensch mit ihren Fähigkeiten auszeichnet?


Angesichts der durch Digitalisierung und Globalisierung sich schnell wandelnden Berufsbilder, neu hinzukommenden Tätigkeitsfelder und aufs Abstellgleis geratenden Arbeitsbereiche haben Job-Titel nur noch groben Orientierungscharakter. Wer in der agilen Berufswelt seine Karriereplanung auf stabilem Fundament aufbauen will, kommt an Affinitätenprofilen nicht vorbei.


Fazit

Rückblickend den roten Faden im eigenen Berufsleben zu erkennen und zu reflektieren, ist eine gute Ausgangsbasis für die eigene Karriereplanung in Richtung Zukunft. Wer dagegen noch Zertifikate sammelt, die Anforderungen von Stellenanzeigen mit Abhaken der Checklisten zu erfüllen versucht und sich selbst anhand seiner bisherigen Job-Titel beschreibt, wird zunehmend immer weniger Personaler:innen und Arbeitgeber:innen finden, die zu diesen Karrierevorstellungen passen.


Unser Tipp: Wer die Karriereplanung dagegen am eigenen Affinitätenprofil ausrichtet, wird zunehmend immer mehr Möglichkeiten für Erfolg und Zufriedenheit finden.


Ihr Manuel Schuchna